Motto

Unser Motto: 50 Jahre Stonewall

Zusammen Vielfältig Solidarisch

Wir schreiben das Jahr 1969. Homosexuelle Menschen werden in der deutschen Gesellschaft diskriminiert und geächtet, schwule Männer vom Staat systematisch verfolgt: Auf der Grundlage des Strafrechtsparagraphen 175 sind sexuelle Handlungen zwischen Männern verboten. Für viele Beschuldigte bedeutet bereits der Verdacht einen Gesichtsverlust im Umfeld, eine Verurteilung häufig auch den Verlust sämtlicher beruflicher Chancen. Lesbische Frauen sind ebenfalls von Freiheit und Selbstbestimmung ausgegrenzt: Für lesbische Liebe und weibliche Sexualität bietet die patriarchal geprägte Gesellschaft keinen Platz. Trans* Menschen werden pathologisiert, erleben keine Unterstützung und bleiben ohne Schutz.

Verfolgung und Diskriminierung sind in den 1960er Jahren nicht nur in Deutschland Alltag für queere Menschen. Auch in den USA werden queere Szene und queeres Leben abgewertet und kriminalisiert. Küssen und selbst Händchenhalten in der Öffentlichkeit sind verboten. Als Rückzugsort dienen wenige Gay Bars, zum Beispiel in der Christopher Street in New York. Das Stonewall Inn ist ein solcher Treffpunkt an denen sich sexuelle und geschlechtliche Minderheiten treffen – dort entsteht queere Gemeinschaft. Die Bar bietet denen Raum, die von der Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt und marginalisiert werden – auch Latinos und Schwarzen, die zusätzlich zu ihrer sexuellen Orientierung auch für ihre körperlichen Merkmale und ihre Herkunft diskriminiert werden. Polizei-Razzien, bei denen die Personalien der Gäste des Stonewall Inn festgehalten und veröffentlicht werden, sind an der Tagesordnung. Wer im Stonewall Inn mit der Polizei in Konflikt gerät, muss mit der Zerstörung der sozialen Existenz rechnen. Die Strategie der Polizei setzt auf massive körperliche Gewalt, eine Gegenwehr ist gefährlich und deshalb keine Option.

Sie wehren sich – am 27. Juni 1969 läuft alles anders.

Frustriert von der jahrzehntelangen Misshandlung durch Gesellschaft, Staat und Polizei leisten die Gäste des Stonewall Inn an diesem Tag Widerstand – diese Razzia verläuft nicht, wie von der Polizei geplant. Die Menschen wehren sich, sie verweigern die Vorlage der Ausweise. Schläge von der Polizei werden von den Gästen der Bar nicht mehr hingenommen. Das Verhaften von Drag Queens, trans* Personen und weiblich gekleideten Männern wird verhindert. Eine Lesbe widersetzt sich ihrer Verhaftung und wird von der Menge unterstützt. Der Aufstand gegen die Polizeigewalt beginnt durch trans* Menschen in der ersten Reihe, durch Schwule und Lesben jeder Hautfarbe.

Die Botschaft, dass sich queere Menschen gegen die Ungerechtigkeiten und Misshandlungen wehren, spricht sich schnell in der Nachbarschaft herum. Bald stehen tausende Protestierende wenigen hundert Polizist_innen gegenüber, die versuchen den Protest gewaltsam zu beenden. Die tagelangen Aufstände vor der Bar erzeugen eine neue, einzigartige Sichtbarkeit im Land, geben Lesben, Schwulen, Bisexuellen und trans* Menschen Mut und inspirieren die Gründung der Gay Liberation Front. Die Proteste in New York stecken mit ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Botschaft die restlichen Teile des Landes an: Der Kampf für die eigenen Rechte und gegen Diskriminierung erreicht einen historischen Wendepunkt.

Dass die Community für ihre Themen und Interessen erfolgreich kämpfen kann, wird auch in Deutschland wahrgenommen. Die deutsche Lesben- und Schwulenbewegung entsteht. Es bilden sich Community-Organisationen und in zahlreichen Städten beziehen sich Demonstrationen auf die Ereignisse in der Christopher Street. Am 29. April 1972 findet in Münster die erste Schwulen-Demo der Bundesrepublik statt. Es braucht 22 weitere Jahre bis 1994 nach der Wiedervereinigung und scheinbar endlosem Ringen gegen die Kriminalisierung von Homosexuellen der Paragraph 175 ersatzlos gestrichen wird. 1981 wird das Transsexuellengesetz eingeführt und setzt bis heute verbindlich den rechtlichen Rahmen für die Transition von trans* Menschen. Es beendet allerdings nicht die Pathologisierung und Fremdbestimmung von trans* Menschen, sondern schreibt sie in vielen Bereichen  fest – zahlreiche Regelungen des Transsexuellengesetzes werden in den folgenden Jahrzehnten durch das Bundesverfassungsgericht für verfassungswidrig erklärt. Erst 2017 wird die Ehe für Alle inklusive des Adoptionsrechts gesetzlich möglich und beendet die gesetzliche Abwertung gleichgeschlechtlicher Beziehungen. Für die Opfer des Paragraphen 175 wird 2017 die Rehabilitierung und Entschädigung durch den Bundestag beschlossen.

Unsere Erfolge – unsere Lehren

Wir profitieren von den Erfolgen und lernen aus den Erfahrungen der queeren Bewegung der letzten 50 Jahre. Wir haben gelernt, dass wir erfolgreicher sein können, wenn wir zusammen, vielfältig und solidarisch kämpfen.

Wir müssen zusammen kämpfen.

Einzelne können die Diskriminierung, die queere Menschen erleben, nicht überwinden. Deshalb wollen wir uns verbünden und als Lesben, Schwule, Bisexuelle und trans* Menschen gemeinsam für unsere Interessen kämpfen. Außerdem haben wir erfahren, dass die Befreiung von queeren Menschen aus Ausgrenzung, Abwertung und Entrechtung von queeren Menschen selbst erstritten werden muss. Dies gilt für die Erfolge der Vergangenheit genauso wie für die Erfolge der Zukunft. Ohne unser eigenes Engagement werden sie nicht entstehen.

Wir wollen vielfältig bleiben.

Wir sehen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt als Bereicherung und wir wehren uns gegen die Abwertung dieser Vielfalt. Sexuelle und geschlechtliche Minderheiten erleben weltweit Diskriminierung und brauchen deshalb besonderen Schutz. Wir setzen uns für eine Gesellschaft ein, die zu ihrer Vielfalt und ihren Minderheiten steht und diese schützt, wo Schutz nötig ist. Wir wollen uns nicht anpassen oder verstecken. Wir lassen uns nicht verbieten oder verschweigen. Unsere Sexualität und unsere Identität darf nicht tabuisiert werden. Hierfür brauchen wir keine Normen: Unsere Gesellschaft hat Platz für viele verschiedenen Möglichkeiten, das Leben zu leben.

Wir müssen solidarisch miteinander sein.

Wenn wir zusammen erfolgreich für unsere Rechte, Respekt und Selbstbestimmung kämpfen wollen, müssen wir solidarisch miteinander sein. Als queere Menschen haben wir vieles gemeinsam, aber wir sind auch sehr unterschiedlich. Um gemeinsam queere Bewegung zu sein, müssen wir uns besser kennenlernen, voneinander lernen und füreinander einstehen. Das bedeutet, sich mit den Lebenswirklichkeiten und dem Alltag anderer queerer Menschen zu beschäftigen. Wir wehren uns deshalb auch gemeinsam gegen Diskriminierung und Abwertung, egal wen von uns es trifft. Wir stellen uns der Transfeindlichkeit in den Weg. Wir kämpfen gegen Sexismus und die Abwertung von Frauen. Wir stellen uns gegen die gesellschaftliche Ausgrenzung von HIV-Positiven. Wir beziehen Stellung gegen Rassismus und unterstützen queere Geflüchtete. Bei all dem müssen wir uns auch mit der Diskriminierung innerhalb der Community und unseren eigenen Vorurteilen auseinandersetzen.

Unsere Solidarität verbindet uns und kann uns helfen, den gemeinsamen Weg miteinander weiter zu gehen. Dabei endet unsere Solidarität nicht an der Landesgrenze, sondern bezieht queere Menschen in anderen Ländern mit ein.

Am 17. August 2019 feiert die queere Community Darmstadt ihren neunten Christopher Street Day. Wir werden gemeinsam und mit allen, die sich mit uns solidarisieren, in der Darmstädter Innenstadt demonstrieren. Einige von uns werden Regenbogenfahnen tragen, andere gehen vielleicht Hand in Hand oder küssen sich.

50 Jahre Stonewall zeigen, dass wir queere Bewegung selbst machen müssen und es immer mussten. Zusammen, vielfältig und solidarisch gehen wir auf die Straße!

Das Motto: 50 Jahre Stonewall

Zusammen Vielfältig Solidarisch

Wir schreiben das Jahr 1969. Homosexuelle Menschen werden in der deutschen Gesellschaft diskriminiert und geächtet, schwule Männer vom Staat systematisch verfolgt: Auf der Grundlage des Strafrechtsparagraphen 175 sind sexuelle Handlungen zwischen Männern verboten. Für viele Beschuldigte bedeutet bereits der Verdacht einen Gesichtsverlust im Umfeld, eine Verurteilung häufig auch den Verlust sämtlicher beruflicher Chancen. Lesbische Frauen sind ebenfalls von Freiheit und Selbstbestimmung ausgegrenzt: Für lesbische Liebe und weibliche Sexualität bietet die patriarchal geprägte Gesellschaft keinen Platz. Trans* Menschen werden pathologisiert, erleben keine Unterstützung und bleiben ohne Schutz.

Verfolgung und Diskriminierung sind in den 1960er Jahren nicht nur in Deutschland Alltag für queere Menschen. Auch in den USA werden queere Szene und queeres Leben abgewertet und kriminalisiert. Küssen und selbst Händchenhalten in der Öffentlichkeit sind verboten. Als Rückzugsort dienen wenige Gay Bars, zum Beispiel in der Christopher Street in New York. Das Stonewall Inn ist ein solcher Treffpunkt an denen sich sexuelle und geschlechtliche Minderheiten treffen – dort entsteht queere Gemeinschaft. Die Bar bietet denen Raum, die von der Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt und marginalisiert werden – auch Latinos und Schwarzen, die zusätzlich zu ihrer sexuellen Orientierung auch für ihre körperlichen Merkmale und ihre Herkunft diskriminiert werden. Polizei-Razzien, bei denen die Personalien der Gäste des Stonewall Inn festgehalten und veröffentlicht werden, sind an der Tagesordnung. Wer im Stonewall Inn mit der Polizei in Konflikt gerät, muss mit der Zerstörung der sozialen Existenz rechnen. Die Strategie der Polizei setzt auf massive körperliche Gewalt, eine Gegenwehr ist gefährlich und deshalb keine Option.

Sie wehren sich – am 27. Juni 1969 läuft alles anders.

Frustriert von der jahrzehntelangen Misshandlung durch Gesellschaft, Staat und Polizei leisten die Gäste des Stonewall Inn an diesem Tag Widerstand – diese Razzia verläuft nicht, wie von der Polizei geplant. Die Menschen wehren sich, sie verweigern die Vorlage der Ausweise. Schläge von der Polizei werden von den Gästen der Bar nicht mehr hingenommen. Das Verhaften von Drag Queens, trans* Personen und weiblich gekleideten Männern wird verhindert. Eine Lesbe widersetzt sich ihrer Verhaftung und wird von der Menge unterstützt. Der Aufstand gegen die Polizeigewalt beginnt durch trans* Menschen in der ersten Reihe, durch Schwule und Lesben jeder Hautfarbe.

Die Botschaft, dass sich queere Menschen gegen die Ungerechtigkeiten und Misshandlungen wehren, spricht sich schnell in der Nachbarschaft herum. Bald stehen tausende Protestierende wenigen hundert Polizist_innen gegenüber, die versuchen den Protest gewaltsam zu beenden. Die tagelangen Aufstände vor der Bar erzeugen eine neue, einzigartige Sichtbarkeit im Land, geben Lesben, Schwulen, Bisexuellen und trans* Menschen Mut und inspirieren die Gründung der Gay Liberation Front. Die Proteste in New York stecken mit ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Botschaft die restlichen Teile des Landes an: Der Kampf für die eigenen Rechte und gegen Diskriminierung erreicht einen historischen Wendepunkt.

Dass die Community für ihre Themen und Interessen erfolgreich kämpfen kann, wird auch in Deutschland wahrgenommen. Die deutsche Lesben- und Schwulenbewegung entsteht. Es bilden sich Community-Organisationen und in zahlreichen Städten beziehen sich Demonstrationen auf die Ereignisse in der Christopher Street. Am 29. April 1972 findet in Münster die erste Schwulen-Demo der Bundesrepublik statt. Es braucht 22 weitere Jahre bis 1994 nach der Wiedervereinigung und scheinbar endlosem Ringen gegen die Kriminalisierung von Homosexuellen der Paragraph 175 ersatzlos gestrichen wird. 1981 wird das Transsexuellengesetz eingeführt und setzt bis heute verbindlich den rechtlichen Rahmen für die Transition von trans* Menschen. Es beendet allerdings nicht die Pathologisierung und Fremdbestimmung von trans* Menschen, sondern schreibt sie in vielen Bereichen  fest – zahlreiche Regelungen des Transsexuellengesetzes werden in den folgenden Jahrzehnten durch das Bundesverfassungsgericht für verfassungswidrig erklärt. Erst 2017 wird die Ehe für Alle inklusive des Adoptionsrechts gesetzlich möglich und beendet die gesetzliche Abwertung gleichgeschlechtlicher Beziehungen. Für die Opfer des Paragraphen 175 wird 2017 die Rehabilitierung und Entschädigung durch den Bundestag beschlossen.

Unsere Erfolge – unsere Lehren

Wir profitieren von den Erfolgen und lernen aus den Erfahrungen der queeren Bewegung der letzten 50 Jahre. Wir haben gelernt, dass wir erfolgreicher sein können, wenn wir zusammen, vielfältig und solidarisch kämpfen.

Wir müssen zusammen kämpfen.

Einzelne können die Diskriminierung, die queere Menschen erleben, nicht überwinden. Deshalb wollen wir uns verbünden und als Lesben, Schwule, Bisexuelle und trans* Menschen gemeinsam für unsere Interessen kämpfen. Außerdem haben wir erfahren, dass die Befreiung von queeren Menschen aus Ausgrenzung, Abwertung und Entrechtung von queeren Menschen selbst erstritten werden muss. Dies gilt für die Erfolge der Vergangenheit genauso wie für die Erfolge der Zukunft. Ohne unser eigenes Engagement werden sie nicht entstehen.

Wir wollen vielfältig bleiben.

Wir sehen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt als Bereicherung und wir wehren uns gegen die Abwertung dieser Vielfalt. Sexuelle und geschlechtliche Minderheiten erleben weltweit Diskriminierung und brauchen deshalb besonderen Schutz. Wir setzen uns für eine Gesellschaft ein, die zu ihrer Vielfalt und ihren Minderheiten steht und diese schützt, wo Schutz nötig ist. Wir wollen uns nicht anpassen oder verstecken. Wir lassen uns nicht verbieten oder verschweigen. Unsere Sexualität und unsere Identität darf nicht tabuisiert werden. Hierfür brauchen wir keine Normen: Unsere Gesellschaft hat Platz für viele verschiedenen Möglichkeiten, das Leben zu leben.

Wir müssen solidarisch miteinander sein.

Wenn wir zusammen erfolgreich für unsere Rechte, Respekt und Selbstbestimmung kämpfen wollen, müssen wir solidarisch miteinander sein. Als queere Menschen haben wir vieles gemeinsam, aber wir sind auch sehr unterschiedlich. Um gemeinsam queere Bewegung zu sein, müssen wir uns besser kennenlernen, voneinander lernen und füreinander einstehen. Das bedeutet, sich mit den Lebenswirklichkeiten und dem Alltag anderer queerer Menschen zu beschäftigen. Wir wehren uns deshalb auch gemeinsam gegen Diskriminierung und Abwertung, egal wen von uns es trifft. Wir stellen uns der Transfeindlichkeit in den Weg. Wir kämpfen gegen Sexismus und die Abwertung von Frauen. Wir stellen uns gegen die gesellschaftliche Ausgrenzung von HIV-Positiven. Wir beziehen Stellung gegen Rassismus und unterstützen queere Geflüchtete. Bei all dem müssen wir uns auch mit der Diskriminierung innerhalb der Community und unseren eigenen Vorurteilen auseinandersetzen.

Unsere Solidarität verbindet uns und kann uns helfen, den gemeinsamen Weg miteinander weiter zu gehen. Dabei endet unsere Solidarität nicht an der Landesgrenze, sondern bezieht queere Menschen in anderen Ländern mit ein.

Am 17. August 2019 feiert die queere Community Darmstadt ihren neunten Christopher Street Day. Wir werden gemeinsam und mit allen, die sich mit uns solidarisieren, in der Darmstädter Innenstadt demonstrieren. Einige von uns werden Regenbogenfahnen tragen, andere gehen vielleicht Hand in Hand oder küssen sich.

50 Jahre Stonewall zeigen, dass wir queere Bewegung selbst machen müssen und es immer mussten. Zusammen, vielfältig und solidarisch gehen wir auf die Straße!

Motto 2018

Trans* Pride – Du bestimmst nicht mein Geschlecht!

Geschlecht – was ist das eigentlich? Die Antwort erscheint einfach: Ein Baby wird geboren, es wird ein oberflächlicher Blick zwischen die Beine geworfen, und schon glauben alle zu wissen, wie die Entwicklung des Kindes verlaufen wird. So haben wir es gelernt. Eigentlich ganz klar – aber so einfach ist es nicht.

Für viele Menschen mag diese Zuweisung des Geschlechts im weiteren Verlauf ihres Lebens keine größeren Probleme mit sich bringen – und dennoch ist sie problematisch. Wer sich näher damit beschäftigt, erkennt, dass Geschlecht auf wesentlich komplexeren Zusammenhängen aufbaut, als auf einer schlichten Zuordnung aufgrund der Genitalien. Die erzwungene Einteilung in ausschließlich zwei Geschlechter wird zudem der tatsächlich vorhandenen Vielfalt nicht gerecht – das hat auch das Bundesverfassungsgericht im November 2017 bestätigt. Selbst Menschen, für die das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht grundsätzlich passt, können unter den damit verknüpften Erwartungshaltungen leiden.

Immerhin ist die Erkenntnis, dass Geschlecht sich nicht an Vorlieben und Verhaltensweisen festmachen lässt, mittlerweile in weiten Teilen der Gesellschaft Konsens. Dass aber auch körperliche Merkmale nicht dazu geeignet sind, das Geschlecht einer Person mit Sicherheit festzustellen, ist noch lange nicht im Bewusstsein der Mehrheit angekommen.
Menschen, die trotz scheinbar eindeutiger körperlicher Merkmale irgendwann zu der Erkenntnis gelangen, dass ihnen bei der Geburt ein falsches Geschlecht zugewiesen wurde, werden deshalb immer wieder stigmatisiert und für krank erklärt.
Das erleben auch Menschen, bei denen Hormone, Chromosomen und anatomische Merkmale nicht eindeutig auf Mann oder Frau hinweisen.

Das muss aufhören! Niemand darf über das Geschlecht eines anderen Menschen bestimmen! Einzig und allein die Selbstaussage ist entscheidend für das eigene Geschlecht! Niemand darf gezwungen werden, sich einem Geschlecht zuzuordnen, das nicht als das richtige empfunden wird! Geschlechtliche Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht!

Für dieses Menschenrecht wollen wir auf dem CSD Darmstadt gemeinsam kämpfen. Wir erinnern dabei an 1969, als in der Christopher Street in New York City erstmals trans* Menschen, Lesben und Schwule gemeinsam auf die Straße gingen, um sich gegen Polizeigewalt und Diskriminierung zu wehren und um ihre Rechte einzufordern.

Wir haben erlebt und wissen, dass die queere Community gemeinsam einiges erreichen kann. Wir wissen aber auch, dass weiterhin viele Hindernisse der geschlechtlichen Selbstbestimmung im Weg stehen. Dagegen kämpfen wir – gemeinsam und solidarisch!

Deshalb fordern wir die vollständige Anerkennung von geschlechtlicher Vielfalt und Selbstbestimmung in allen gesellschaftlichen Bereichen durch:

  • Weitreichende Aufklärungskampagnen zur Geschlechtervielfalt, beispielsweise im Bildungssystem und der beruflichen Aus-und Weiterbildung.
  • Die durchgängige Verankerung der geschlechtlichen Selbstbestimmung in Normen und Institutionen des Rechtssystems, des Bildungssystems, des Gesundheits- und Erziehungswesens und in der Wirtschaft.
  • Ein Gesetz, das allen Menschen unabhängig von Alter und körperlichen Merkmalen eine Änderung von Namen und Personenstand ohne aufwändige, teure und oft entwürdigende Begutachtungen ermöglicht.
  • Die Abschaffung von Zwangstherapien als Voraussetzung für medizinische Maßnahmen zur Angleichung des Körpers an das empfundene Geschlecht.
  • Das Verbot von geschlechtszuweisenden Zwangsoperationen an intergeschlechtlich geborenen Kindern.

Das Motto des CSD 2017 findest du hier…

Motto 2017

The Future is queer!

Wie wir leben wollen

Wir sind anders – wir sind queer! Wir sind lesbische Frauen. Wir sind schwule Männer. Wir sind bisexuell und lieben Männer und Frauen. Wir lieben Menschen jenseits von Mann und Frau. Wir sind trans* und leben in dem Geschlecht, das zu uns passt. Wir kommen aus verschiedenen Teilen der Welt, sehen unterschiedlich aus und haben viele Sprachen und Kulturen. Wir sind verschieden und wollen verschieden bleiben. Wir sind gleich und wollen deshalb gleichberechtigt sein.

Wir haben das Recht auf ein glückliches Leben und gesellschaftliche Gleichberechtigung. Wir haben das Recht auf ein Leben ohne Verfolgung und Bedrohung. Auf ein Leben ohne Gewalt, Angst und Ausgrenzung. Wir wollen unser Leben selbstbestimmt und frei leben.

Unsere Beziehungen bestimmen wir selbst. Unser Sexualleben bestimmen wir selbst. Unsere Familienmodelle entwerfen und gestalten wir selbst. Unser Geschlecht kennen wir besser als alle Anderen. Unsere Lebensentwürfe müssen für uns stimmen – nicht für Andere.

Wer und was unser Glück bedroht

Mit unserer Vielfalt kommen manche Menschen nicht klar. Sie wünschen sich vereinfachte und unrealistische Verhältnisse. Sie wünschen sich zwanghaft eine Welt, die es nicht gibt und die es nie gab. Sie träumen von einer heterosexuellen Welt. Sie träumen von traditionellen Familien. Sie träumen von räumlich getrennten und „reinrassigen Völkern“. Sie stellen sich gegen geschlechtliche Vielfalt. Sie lehnen sexuelle Selbstbestimmung und eine Sexualität ab, die glücklich macht und nicht (nur) der Fortpflanzung dient. Sie halten fest an der Vorstellung, dass Männer die Welt regieren und Frauen die Küchen und Kinderzimmer. Sie erklären das mit ihren Traditionen oder Religionen, mit ihren rassistischen und völkischen Parolen und überschütten uns mit ihren Zwängen und ihrer Ignoranz. Die Öffnung der Ehe war ein wichtiger Schritt, der jetzt endlich auch in Deutschland getan wurde. Damit ist aber noch lange keine vollständige gesellschaftliche Gleichberechtigung erreicht.

Warum wir kämpfen

Wir mussten für unsere Freiheit und Selbstbestimmung kämpfen und müssen es immer noch. Alle Rechte und jede Anerkennung, die Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans* heute haben, wurden mühsam erstritten. Und auch wenn heute ein freieres Leben für queere Menschen möglich ist, fehlt uns noch viel zu echter Freiheit, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung. Wir beobachten auch, dass man uns wieder einschränken und unsere Rechte reduzieren will.

Wir sind queer und deshalb wehren wir uns. Wir kämpfen weiter für unsere Anerkennung. Wir verteidigen unsere Rechte und unsere Selbstbestimmung. Wir streiten für eine Gesellschaft, in der sich Minderheiten wohl und sicher fühlen können.

Wir halten zusammen, weil wir wissen, dass wir nur gemeinsam stark sind. Wir kennen unsere Unterschiede, aber wir kennen auch unsere Gemeinsamkeiten. Und wir werden gewinnen gegen diejenigen, die die Zeit zurückdrehen wollen. Wir kämpfen für eine Zukunft, in der Vielfalt eine Chance ist. Wir kämpfen für eine Zukunft, in der Liebe, Sexualität und Geschlecht frei sind.

Für eine queere Zukunft! Fight for it.

 


Das Motto des CSD 2016 und Infos dazu findest du hier…

Motto 2016

Das Motto des CSD Darmstadt 2016 lautet: „Liebe, Sex und Widerstand!“ Was es damit auf sich hat? Lest selbst!

Liebe.

Liebe hat viele Formen! Es gibt keine „besseren“ oder „richtigeren“ Beziehungs- und Familienmodelle. Viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene leben in Ein-Eltern-Familien, Patchworkfamilien oder Regenbogenfamilien.
Wer das nicht akzeptiert, ist realitätsfern und ignorant. Die Anerkennung und Förderung verschiedener Familienmodelle ist längst überfällig. Die Vielfalt von Lebensentwürfen muss in die Bildungspläne aller Kindergärten und Schulen.
Zur Anerkennung gehört auch die rechtliche Gleichstellung: Lesben und Schwule müssen endlich heiraten und Kinder adoptieren dürfen. Alles andere bedeutet eine Abwertung und Diskriminierung von Menschen, ihren Familien und Beziehungen.

Sex.

Sex ist viel mehr als Fortpflanzung! Sex gehört für viele Menschen zu einem glücklichen Leben und existiert unabhängig von Liebe.
Die sexuelle Selbstbestimmung ist zu schützen und zu achten. Jeder Mensch weiß selbst am besten, wen er begehrt und kann entscheiden, wie die eigene Sexualität gelebt wird, solange dabei die Selbstbestimmung anderer nicht eingeschränkt wird. Niemand braucht Moralwächter_innen, die Sexualität nur innerhalb der Ehe akzeptieren. Wir brauchen aufgeklärte und selbstbewusste Jugendliche und Erwachsene, die ihr Leben und Intimleben nach eigenen Bedürfnissen gestalten und dabei die Bedürfnisse und Grenzen anderer achten.
Zur sexuellen Identität eines Menschen gehört auch der eigene Körper. Niemand weiß besser, welches Geschlecht eine Person hat, als sie selbst. Die sexuelle Selbstbestimmung gilt auch für das Geschlecht. Wir brauchen kein verordnetes Geschlecht, sondern Wege, die die Selbstdefinition insbesondere von Trans* und Inter* sicherstellen.

Widerstand.

Man kann versuchen den Menschen mit veralteten und starren Vorstellungen Vorschriften zu machen, wie sie ihr Liebes-, Beziehungs-, Familien- und Sexualleben zu gestalten haben.
Wir setzen uns jedoch für eine vielfältige und moderne Welt ein, die den Menschen ein freies und glückliches Leben nach ihren Bedürfnissen ermöglicht.
Deshalb leisten wir Widerstand gegen diejenigen, die Hass gegen Minderheiten fordern und fördern. Wir stellen uns gegen religiöse und völkische Vorstellungen, die uns vorschreiben wollen, was eine echte Familie ist. Und wir lehnen es ab, wenn Heterosexualität als wünschenswerter oder gesünder erklärt wird als Homo- oder Bisexualität.
Wir fordern Respekt und Anerkennung für Inter* und Trans* statt falschem Mitleid und Heilungsversuchen. Wir stellen uns denjenigen in den Weg, die die Zeit zurückdrehen wollen oder von einer Welt träumen, in der es ausschließlich heterosexuelle Männer und Frauen gibt, die in ihren traditionellen Familienmodellen brav ihre Rollenbilder ausfüllen.

Unsere Gesellschaft hat Platz für viele verschiedene Möglichkeiten, das Leben zu leben.

Mehr Liebe! Mehr Sex! Mehr Widerstand!