Schirmherr

Grußwort des Oberbürgermeisters der Wissenschaftsstadt Darmstadt Jochen Partsch zum Christopher Street Day Darmstadt 2020

Diversität bedeutet Vielfalt und Unterschiedlichkeit zugleich. Es bedeutet aber auch, die Vielfalt und die Unterschiedlichkeit jeden Tag zu leben, manchmal aber auch einfach auszuhalten. Immer wieder neu zu lernen, den Anderen oder die Andere in seiner oder ihrer Unterschiedlichkeit zu akzeptieren und – wie in einer demokratischen Zivilgesellschaft üblich – dennoch gemeinsam Positionen zu suchen und zu vertreten, wird dabei manchmal zur Kunst.

Die in der Diversität liegende Chance wird jedoch zum Problem, wenn der Blick zu sehr auf die Unterschiede fällt und Jede und Jeder nach Abgrenzung sucht. Auch wenn diese nur dazu dient, sich in der eigenen Peer-Group sicherer zu fühlen, steigt dennoch die Gefahr der Isolierung. Doch dann schlägt schnell die Stunde der Populisten, zu deren erfolgreichsten Strategien immer wieder neue Versuche der gesellschaftlichen Spaltung und der Isolation einzelner Gruppen gehören.

Umso wichtiger ist es deshalb, in diesen Zeiten ganz besonders, den gemeinsamen Schulterschluss zu üben, einander zu stärken und zusammenzuhalten. Das gilt für die Gesellschaft im Allgemeinen, aber für die LSBTIQ* Community ganz besonders. Deshalb finde ich in diesem, von einer Pandemie geprägten Jahr, das in seinen Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung schon viele Elemente der Isolierung mit sich gebracht hat, die Idee den – ebenfalls etwas anderen – CSD in der Wissenschaftsstadt Darmstadt unter das Motto „Zusammenhalt“ zu stellen, besonders gelungen.

Denn Strategien und Gründe zur Unterdrückung von Menschen, die sich in der LSBTIQ*-Bewegung finden, sind vielfältig und, wie ein Blick auf unterschiedliche Regierungen, Religionen oder Kulturen zeigt, keineswegs nur sexuell begründet. In über 70 Ländern weltweit werden Menschen heute immer noch oder schon wieder dafür bestraft, wen sie lieben oder wie sie sich orientieren. Sie werden staatlich diskriminiert oder brutal verfolgt. Manchen droht sogar die Todesstrafe. Doch auch in der Bundesrepublik gibt es noch eine Reihe von politischen Schieflagen. Dazu gehört das veraltete Transsexuellen-Gesetz, das dringend einem Selbstbestimmungsgesetz weichen muss, in dem sich Jede und Jeder wieder finden kann.

„Zusammenhalt“ ist also mehr als nur ein Motto, er ist unabdingbar, etwa um politischen Forderungen Nachdruck  zu verleihen. Er wird jedoch  zu einer zwingenden Notwendigkeit, wenn, wie aktuell zu beobachten, weltweit Rückfälle in rechte, archaisch-patriarchale Strukturen zu beobachten sind und das, obwohl die Freiheit der sexuellen Orientierung ein Menschenrecht ist. In der weltoffenen Wissenschaftsstadt Darmstadt haben wir ein besonderes Augenmerk auf diese Themen und stehen auf der Seite der LSBTIQ* Menschen. Denn auch für uns ist Zusammenhalt mehr als nur ein Motto. Das Schaffen einer guten Basis für gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserer Stadt, bedeutet vielmehr eine tägliche Aufgabe und Verpflichtung.

Jochen Partsch
Oberbürgermeister