Schirmherr

Grußwort von Oberbürgermeister Jochen Partsch zum CSD 2021 Motto „Zehn Jahre CSD – Wir kämpfen. Wir feiern. Zusammen.“

Es wäre sicher ein wichtiges, ein starkes Bild gewesen – die Münchener Fußball-Arena am Abend des Ungarn-Spiels, während der EM 2020/2021, erleuchtet in den Farben des Regenbogens. Abermals haben der einflussreiche europäische Fußballverband UEFA, ebenso wie der deutsche Fußballverband DFB, es verpasst, ein Zeichen für Vielfalt und Solidarität zu setzen. Den Despoten und Ultrarechten in Europa und der Welt jedoch haben sie, ob sie es wollten oder nicht, damit das Wort geredet.

In Darmstadt haben wir (wie an vielen anderen Orten in Deutschland) als Zeichen unserer Solidarität mit der queeren Comunity, aber auch des Protests gegen einen solch rückgratlosen Beschluss die Regenbogenflagge gehisst. Denn Darmstadt steht für Vielfalt, für Toleranz und für Freiheit. Wir engagieren uns konsequent in großen wie in kleinen Aktionen für diskriminierte und verfolgte Gruppen.

Doch seien wir auch realistisch: So viele Regenbogenflaggen können wir gar nicht hissen, wie es klare politische Beschlüsse braucht, um aus diesem Land und um aus Europa einen Ort zu machen, an dem Menschen aller sexuellen Orientierung, aller Lebensentwürfe, aller Geschlechter frei und ohne Diskriminierung leben können.

Dabei garantiert unser Grundgesetz doch eigentlich schon so viel: Diskriminierungsverbote aufgrund des Geschlechts, freie Entfaltung der Persönlichkeit, Gleichheit vor dem Gesetz, oder ganz allgemein – gleiche Rechte für alle Menschen. Soweit die Theorie. Doch die Praxis zeigt: Jahrzehntealte homophobe Beschlüsse hebeln viele dieser Rechte bis heute weitgehend aus. Diskriminierungen, ob beim Recht Eltern zu werden oder beim Blutspenden, ob an Arbeitsplätzen kirchlicher Träger oder auch durch den lange ignorierten Gleichheitsparagraphen in Artikel 3 GG, sind bis heute, wider besseres Wissen und anderslautender politischer Statements, an der Tagesordnung.

In unserer weltoffenen Wissenschaftsstadt gibt es ein klares und (weitgehend) parteienübergreifendes Bekenntnis zur LGBTQ*-Community. Um auch weithin sichtbare Zeichen zu setzen, werden wir, sobald es die Pandemielage zulässt, das Mahnmal für die Opfer des Paragraphen 175 verwirklichen. Auch haben wir inzwischen innerhalb der Stadtverwaltung eine eigene Stelle des/r Queer-Beauftragten geschaffen oder unterstützen das von vielbunt e.V betriebene queere Zentrum. Bei allen unseren politischen Beschlussfassungen denken wir, im Rahmen der für uns mit Nachdruck betriebenen Teilhabe für alle, LGBTQ*-Menschen selbstverständlich immer mit.

Zusammenhalt und klare Forderungen an die politisch Verantwortlichen in Stadt, Land und Bund – das sind die Erfolgsfaktoren hin zu einer gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe für alle. Auch deshalb ist das Motto des diesjährigen CSD ein wichtiges Zeichen an alle in– und außerhalb der queeren Gemeinschaft: Nur gemeinsam sind die dringend notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen zu erreichen. Nur gemeinsam verhindern wir von reaktionären Kräften forcierte Rückschritte, wie sie in einigen Ländern Europas leider heute schon Realität sind.

Übrigens hat, zwei Tage nach der vergebenen Chance der UEFA, in den USA mit dem Football-Profi Carl Nassib erstmals ein aktiver NFL-Spieler seine Homosexualität öffentlich gemacht. „Ich wollte nur einen kurzen Moment nutzen und sagen, dass ich schwul bin“, hatte er auf Instagram verkündet. Ihm gehe es jedoch nicht um Aufmerksamkeit, so der Profi, sondern weil er denke, dass Vertretung und Sichtbarkeit wichtig seien. Die NFL sei „stolz auf Carl, dass er heute seine Wahrheit so couragiert geteilt hat“, ließ NFL-Chef Roger Goodell die Öffentlichkeit wissen.

Auch so kann man damit umgehen.

„Vertretung und Sichtbarkeit“ – das sind auch genau die Motive, die vor zehn Jahren den ersten Darmstädter CSD initiiert haben. Heute ist unser CSD einer der politischsten und wird auch überregional viel beachtet.

Bei aller Ernsthaftigkeit, mit der wir politisch aktiv sind, so sind doch Leichtigkeit und gemeinsames Feiern ebenfalls wichtig. Zusammen feiern ist während der immer noch bestehenden Pandemielage leider immer noch mit Vorsicht zu betrachten. Dennoch wünsche ich dem diesjährigen CSD zum zehnten Geburtstag ein – hoffentlich mögliches – schönes Fest. Allen Aktivistinnen und Aktivisten danke ich für ihren Einsatz für die Zivilgesellschaft in unserer Stadt.

Ihr

Jochen Partsch
Oberbürgermeister Darmstadt